WEIMAR IM JUNI

Die Wiesen dampfen.
Davor: wilder Jasmin,
dahinter: das Gartenhäuschen
des Heißsporns,
gekommen in die friedfertige
Zivilisation,
um diese zu befruchten
mit einem Geist,
der uns hierher treibt
in den Halbkreis
zwischen Kleinstadtidylle
und Blumenwunder.

In dem Gärtchen
atmet ein einziges Wort,
Echo auf das Haus
am Frauenlplan.
Allumfassend
muss er sein,
trotz der Rivalin
im grünen Visier.
So möchten wir
ihn auch umschwirren,
denn am Abglanz
haben wir das Leben.

Das größere Haus
erzählt Geschichten,
während das kleine
beredt schweigt.
Man hat Möbel enfernt,
wir erspähen
den berühmten Schemel.

Im Junigrün,
umrankt von Rosen,
die ihre Sprache
nicht verloren,
dünken mir
die Liebeslieder,
wie ich sie vernahm.
Wenn der Himmel sich verdunkelt,
neigt er sich vielleicht
nur der Erde zu.

Auf den Straßen:
Pferdehufengetrappel,
die französischen Schreie,
die hohen Mützen
und eine wackere Weimarerin,
die, statt des großen Kopflosen,
dem Eindringling
die Stirn bietet.
So erahnen wir
Furcht und Elend
zwischen all dem Glanz.

Und dennoch: hier
die großen Würfe,
übear Jahrhunderte hinweg.
Mit Büchern
zimmern wir uns eine Welt.

Der Weg führt
ans andere Ende der Stadt.
In der Fürstengruft verharren!
Dei Ewigkeit senkt sich
einen Augenblick herab,
im Volk der Dichter
und Denker,
und schenkt uns
die Gewissheit,
es sind derer zwei.

Patricia Gunkel, 11. Juni 2001


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